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Es war eigentlich ein Donnerstag wie jeder andere, dieser 12. August 2010. Allerdings waren wir, Lonice und Katleah, an diesem Tag für euch auf geheimer Mission in Richtung Waldlingen.
Wo Waldlingen liegt? Nach Angaben von Stephan M. Rother, Autor und Historiker, weiß er ganz genau, wo dieser Ort liegt, jeder kann dort hingehen. Aber nur sehr, sehr wenige können ihn sehen.
Wir suchten Herrn Rother zunächst in seinem Domizil in einer kleinen Kurstadt gleich um die Ecke auf. Nun ja, wir versuchten es. Hatten wir das mintgrüne Haus (die Lieblingsfarbe seines Großvaters) noch schnell gefunden, scheiterten wir an der Haustür. Dafür fanden wir aber direkt die Hintertür und wurden von Katja Rother, der sympathischen Ehefrau unseres Interviewpartners, einmal quer durchs Haus geführt. Nach einem kurzen Blick in die (extra für uns aufgeräumte) Bibliothek ließen wir vier uns im gemütlichen Wohnzimmer der Rothers nieder und bei Kaffee, Tee und überaus leckeren Muffins kamen wir zunächst ins Quatschen.
Rother selbst, Jahrgang 1968, hat ab 1988 in Göttingen Geschichte und Philologie studiert. Dieses Geschichtsstudium ist auch die Grundlage dafür, dass Rother irgendwann zur Feder griff, er wollte erzählen.
Kettenleser.net (KL): Wie kann man sich eigentlich den Weg vom studierten Historiker zum Autor von Gothic-Mystery-Thrillern für Jugendliche vorstellen?
Stephan M. Rother (Rother): Nun, nach dem Studium war mir jedenfalls klar, dass ich zwar Geschichte und Wissen vermitteln wollte, aber nicht in der akademischen Weise, wie ich sie zum Teil erlebt hatte, toter und trockener als die Materie selbst nämlich. In den frühen neunziger Jahren habe ich daraufhin meine ersten Volkshochschulkurse zur Kulturgeschichte des Mittelalters gegeben – auf meine Weise, mit Humor und Augenzwinkern. Und habe festgestellt, dass das ankam. Zu den ersten Bühnenprogrammen als Magister Rother im historisierenden Kostüm war es dann nur noch ein kleiner Schritt. Bis 2008 dürften es insgesamt über zweitausend Auftritte gewesen sein, teilweise hundertfünfzig oder mehr im Jahr. Anders als oft vermutet, war mein Publikum dabei weniger die sogenannte „Mittelalterszene“, die in Teilen wissenschaftlicher sein will als die Wissenschaft selbst. Bei Magister Rother mit seinem tatsächlichen wissenschaftlichen Background stand dagegen viel stärker der Humor im Mittelpunkt. Mittelalter war dabei vor allem kabarettistisches Chiffre. Einfach nur Wissen anzuhäufen war mir immer zu wenig. Wenn wir aus der Geschichte lernen, müssen wir für das Heute lernen. Denn in Wahrheit lässt sich doch gestern, heute, morgen überhaupt nicht trennen. Wenn ein Wanderer ein Feld voller Kartoffeln sieht, dann sieht er immer nur einen Teil. Wenn ich dort aber vorbeikomme und alte Karten aus dem 18. oder 19. Jahrhundert kenne, Flurnamen, die Rückschlüsse auf eine ältere Entwicklungsstufe zulassen, weiß ich, dass dort vor 300 Jahren noch ein kleines Gehöft stand und vor 500 Jahren ein Wald. Selbst auf Luftbildern sind häufig noch Spuren und Schatten einer vergangenen Ebene der Zeit sichtbar, Verfärbungen in einem Acker, die auf einen tausend Jahre alten Rundwall hindeuten. Mehrere Schichten des großen Ganzen; man könnte es eine Art Parallelwahrnehmung nennen. Und warum sollte sich dieses Bewusstsein nur auf der Bühne vermitteln lassen? Der Schritt zum Schreiben lag nahe – zum kreativen Schreiben. Es sind im Grunde Variationen ein und desselben Themas, das mich schon mein Leben lang begleitet. Warum soll ich Geschichte nicht in Gothic-Mystery-Thrillern für Jugendliche vermitteln?
Aufgrund des schlechten Wetters fiel unsere Exkursion nach Waldlingen und Danlo (dem Zielort des Romans „Das Geheimnis des Dorian Grave“) leider regelrecht ins Wasser. Was Rother allerdings nicht davon abhielt uns genaueres über diesen Ort zu erzählen. Waldlingen in seiner heutigen Form existiert bereits seit über 20 Jahren. Es liegt im Landkreis Uelzen, ganz in der Nähe von Bad Bodenteich.
KL: Was war denn zuerst da? Waldlingen oder die Figuren deiner Geschichte?
Rother: Ich denke, dass Waldlingen am Anfang stand. In einer meiner ersten Kurzgeschichten, die ich mit Anfang zwanzig mehr als Stilübungen geschrieben habe, kehrte die Hauptfigur in ihren kleinen Heimatort zurück, der gewisse Ähnlichkeit mit den kleinen Orten meiner eigenen Heimat hatte, Wittingen, Bodenteich oder Hankensbüttel. Das war die Geburtsstunde Waldlingens, einer Kleinstadt voller skurriler Charaktere, die sich im Laufe der Jahre mehr und mehr bevölkerte, und in der die Zeit voranschreitet wie in unserer eigenen Welt auch. Rainer Hartheim war am Anfang noch ein etwas blasierter Teenager – heute ist er ein erfolgreicher Autor kirchenkritischer Sachbücher, der auf eine Biographie zurückblicken kann und sein Päckchen zu tragen hat.
KL: Wie kam es denn dazu, dass aus den privaten Geschichten rund um Waldlingen die ersten Romane wurden? Kam da eine Ermunterung von außen?
Rother: Ja und nein. Parallel zum Studium hatte ich bereits Presseartikel beim lokalen Isenhagener Kreisblatt in Wittingen verfasst. Später kamen dann Beiträge für Zeitschriften wie Pax et Gaudium und Mystic&Entertainment hinzu, LarpZeit, Miroque, Karfunkel. Auch mal was für die Hannoversche Allgemeine zwischendurch.  Da aber meine eigentliche Leidenschaft die fiktiven Geschichten waren, sind wir dann für meinen mittelalterlichen Mystery-Thriller „Der Adler der Frühe“* mit einem kleinen Verlag einig geworden. Obwohl der Titel im Mittelalter spielt, war das keineswegs eine Abkehr vom Waldlingen-Kosmos. Die Leser von „Der Fluch des Dorian Grave“ können dort auf den einen oder anderen vertrauten Namen stoßen. Es sind dieselben Orte, aber eine ältere Schicht der Zeit. Als nächsten Schritt habe ich gemeinsam mit meiner Frau für den Panini-Verlag Übersetzungen von Rollenspiel-Romanen angefertigt und lektoriert. Unter anderem waren mehrere EverQuest-Titel dabei. Das war für mich eine wichtige Lernphase, weil ich begriffen habe, wie ein Spannungsbogen funktioniert, welche Fehler es zu vermeiden gilt. Danach fühlte ich mich reif für meinen ältesten „neuen“ Roman „Der Stein des Raben“, einen Fantasy-Titel der im vergangenen Frühjahr bei cbj erschienen ist. Die Abfolge der Veröffentlichung spiegelt nicht notwendig die Reihenfolge der Entstehung; schließlich sind mehrere unterschiedliche Verlage beteiligt. „Die letzte Offenbarung“ zum Beispiel ist älter als „Das Geheimnis des Dorian Grave“, kam aber ein Jahr später in den Handel.
KL: Damit kommen wir doch gleich zur nächsten Frage: Professor Helmbrecht ist eine Figur, die in beiden Romanen auftaucht, sowohl in der Gothic-Mystery-Reihe für Jugendliche, als auch im Vatikan-Mystery-Thriller für Erwachsene. Ist das tatsächlich derselbe Professor Helmbrecht? Oder haben wir hier zwei Paralleluniversen vor uns?
Rother: Es ist definitiv derselbe Helmbrecht. Der Leser wird vielleicht entdeckt haben, dass Helmbrecht in der Offenbarung davon spricht, kurz zuvor in Ebstorf gewesen zu sein. Der Professor hat also sowohl die merkwürdigen Ereignisse rund um die Quelle von Danlo miterlebt, als auch die Suche nach der letzten Offenbarung. In meinen Romanen hängt eigentlich immer alles irgendwie zusammen.
KL: Ist es für dich eigentlich schwierig, so zwischen den Genre hin und her zu springen? Es gibt zwar Gemeinsamkeiten, aber Dorian Grave ist ja doch etwas ganz anderes als die Thriller rund um Amadeo Fanelli.
Rother: Im Gegenteil! Das ist eine Herausforderung, die mir gefällt. Es macht Spaß, mit den Genres zu spielen, mit einer anderen Stimme zu sprechen. Auf der Bühne musste ich ja auch in verschiedene Rollen schlüpfen. Vielleicht fällt es mir deshalb relativ leicht, einen Roman lang Amadeo Fanelli zu sein und mich im nächsten in Leonie Hartheim hinein zu versetzen. Dieser Wechsel der Perspektive ist unerhört reizvoll, selbst innerhalb ein und desselben Romans. In der Offenbarung etwa haben wir zwei unterschiedliche Sprachebenen: zum einen die Erzählung von Amadeo Fanellis dramatischer Suche nach den Handschriften und zum anderen die Passagen aus der Handschrift des Evangelisten Johannes, die natürlich anspruchsvoller zu schreiben waren mit ihrer Fülle von Bibelzitaten und ihrem archaischen Duktus. Doch im Endeffekt ist es fast egal, in welchem Genre ich schreibe, solange ich selbst und die Figuren sich wohlfühlen. Ich glaube, dass der Leser es spürt, wenn das, was man schreibt, echt ist und authentisch.
KL: Wird es eigentlich einen weiteren Roman aus der Dorian Grave-Reihe geben?
Rother: Das ist auf jeden Fall geplant. Die Geschichten bauen ein wenig auf der klassischen Elementelehre auf, und bisher haben wir lediglich Wasser (Band 1) und Feuer (Band 2) behandelt, fehlen noch Erde und Luft. Für 2010 ist hier allerdings keine Veröffentlichung vorgesehen.
KL: „Der Fluch des Dorian Grave“ ist ja auch als Hörbuch erschienen. Auf Youtube kann man die hierzu extra aufgenommene Musik auch zum Teil anhören. Wer steckt hinter dieser Musik?
Rother: Schwierig. Ich habe versprochen, die Namen niemandem zu sagen. Die Band auf dem Hörbuch ist Dead Art, die Band von Dorian Grave. Das ganze Projekt war von Anfang an multimedial geplant, was sich aufgrund der Tatsache, dass Grave ein Sänger ist, auch anbot. In der Realität besteht Dead Art aus mir selbst und zwei Musikern, die auf dem Inlay des Hörbuches erwähnt werden. Die Texte der Songs stammen von mir, die Musik von den beiden, Nico Hertzer und Jörg Streuber (Anm. die Namen wurden uns vorgesungen, das Versprechen also nicht gebrochen ;-) ). Zwei sehr talentierte junge Musiker und Produzenten aus der näheren Umgebung.
Wir bleiben gespannt und ich werde auch bestimmt in meiner Neugier nicht nachgeben. Wir möchten uns an dieser Stelle beim Ehepaar Rother für fast 5 Stunden prächtiger Unterhaltung, leckere Muffins (das Rezept findet ihr weiter unten) und unheimlich viel Information bedanken. Das, was ihr hier lesen könnt ist nur ein winziger Auszug dessen, was wir alles erfahren haben. Wir zumindest hatten wirklich großen Spaß an diesem Tag und können sagen: Die Tour nach Danlo wollen wir definitiv noch nachholen! Wir möchten die Schichten der Gegend auch kennenlernen.
Noch ein paar Informationen im Nachhinein (*) Das Buch „Der Adler der Frühe“ ist im Buchhandel nicht mehr erhältlich. Stephan Rother hat die letzten Bestände vom Verlag aufgekauft. Die Bücher sind jedoch noch käuflich, allerdings kann man sie nur noch bei der Kurverwaltung Bad Bodenteich erhalten.
Kurverwaltung Bad Bodenteich Burgstraße 8 29389 Bad Bodenteich
Telefon 05824 / 3539 Mail
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Die Bücher kosten 7,00 € pro Stück. Davon gehen jeweils 6,00 € an Naturschutzprojekte in der Umgebung. Wir finden das richtig toll und möchten den Adler der Frühe (den wir beide ebenfalls erhalten haben), wirklich jedem ans Herz legen, der historisch-fantastische Geschichten mag. Eine Geschichte, die vor 700 Jahren spielt tut nun heute etwas Gutes für ihren Schauplatz. Das kommt wohl nicht so häufig vor. Daher an dieser Stelle: Hut ab vor Herrn Rother für diese Aktion! Das Buch mag schon 10 Jahre alt sein, lesenswert ist es trotzdem noch. Und Frühwerke haben immer einen ganz besonderen Reiz, wie ich finde.
Die nächste Information ist: Die Geschichte rund um Amadeo Fanelli wird im Oktober endlich fortgesetzt. Das Babylon-Virus erscheint pünktlich zur Frankfurter Buchmesse auch im Handel. Wir dürfen uns auf spannende Unterhaltung freuen!
Und zu guter Letzt: Vielen Dank an Katja Rother für die fürstliche Bewirtung! Und weil uns die Muffins so gut geschmeckt haben und sie wirklich einfach zu machen sind, hier das Rezept für euch zum Nachbacken! - In unserem Fall waren sie mit frischen Kirschen!
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